Itzehoe, Wenzel-Hablik-Museum – Dauerausstellung

* einen besuch wert

im detail:
**einführung: aufgefallen war uns schon vor längerem die braune hinweistafel an der autobahn, die auf ein museum in itzehoe hinwies, dessen namen wir beim fünften vorbeifahren schließlich entziffert hatten: wenzel hablik, ein name der mir so unbekannt war, wie die strichzeichnung auf der hinweistafel undechiffrierbar – was ist das für ein museum?? mittelalterlicher heiliger, dessen gebeine in itzehoe verwahrt werden? wikipedia hätte uns weiterhelfen können, wir entschieden uns, einfach mal hinzufahren. das navi kannte das wenzel-hablik-museum nicht, also ließen wir uns zum kreismuseum lotsen, in der hoffnung, dort werde man uns schon weiterhelfen können. ein kleiner stadtrundgang räumte mit unseren klischees vom 60er jahre betonklotz auf: itzehoe ist ganz nett. auch wenn man unbegreiflicherweise in den 70er jahren die störschleife, die die innenstadt umgab, mit vielen tonnen sand zugeschüttet hat. allerdings fand sich nirgends ein hinweis auf das museum. ein hilfsbereiter buchhändler riet uns, zum alten rathaus zu gehen, da sei das museum gegenüber. allerdings konnten wir auch das rathaus nicht finden. schließlich gaben wir klein bei und fragten in der städtischen touristeninformation nach. die freundliche dame wusste auf anhieb, dass es das museum gibt, mit nachschlagen in einer broschüre konnte sie uns dann auch sagen, wo es sich befindet (immerhin handelt es sich ja um eines von zwei museen in itzehoe).
*benutzerführung: die freundliche mitarbeiterin an der kasse entschuldigte sich zunächst, dass das erdgeschoss wegen der hängung einer sonderausstellung gerade nicht zu besichtigen sei, schickte uns dann eine treppe hinauf und merkte an, die dvd werde gleich noch neu gestartet. im obergeschoss konnten wir dann in aller ruhe unbewacht und als einzige besucher durch die räume stromern, eine festgelegte reihenfolge gibt es nicht.
**aufstellung/hängung: die ausstellung umfasst interieurs, gemälde und vitrinen. die anordnung vermittelt eine intime, fast wohnzimmerhafte atmosphäre. beeindruckend sind die nach alten mustern angefertigten teppichböden.
**umfang: die ausstellung selbst ist in 45 minuten leicht zu besichtigen, die sehr lohnende dvd dauert noch einmal etwa 25 minuten.
**inhalte: gezeigt werden kleinformatige zeichnungen futuristischer architektur, großformatige ölgemälde kosmischer konstellationen, die an 80er-jahre airbrush-technik erinnern, aber tatsächlich in grellem gelb und blau mit dem pinsel auf die leinwand gebracht wurden. kristalle, steine, schmetterlinge und käfer, die hablik sich für seine arbeit sammelte stehen auf und in dem stark von werkbund und spätem jugenstil beeinflussten mobiliar. vieles ist aussergewöhlich, aber zugleich schlicht und würde sich auch heute noch gut im eigenen wohnzimmer machen. portraitgemälde, silberschmuck, wandbehänge, fotos von den starkfarbigen an kandinsky erinnernden innenraumausmalungen, eigens entworfene kleidungssstücke zeigen die vielseitigkeit habliks. die von hablik entworfenen notgeldscheine zeugen von humor auch im angesicht einer ernsten lage. (und zeigen in abstrahierter form die wunderschöne, leider verlorene lage der stadt an der stör).
**hintergründe: wenzel hablik (1881-1934) war vordenker einer expressionistischen architektur. als handwerker und künstler war er bestrebt, seinem gesamten umfeld eine von kunst durchdrungene prägung zu geben, wie dies auch der deutsche werkbund seit 1907 propagierte. für hablik, der vor seiner ausbildung als künstler eine tischlerlehre absolviert hatte, stand neben der künstlerischen form gerade die handwerkliche qualität im vordergrund. er arbeitete eng mit seiner ehefrau elisabeth lindemann zusammen, die in ihrer handweberei viele seiner entwürfe umsetzte. die eigene künstlerische leistung von elisabeth lindemann, die mit der weberei wohl auch die familie ernährte, tritt dabei leider etwas in den hintergrund – auch sie war auf den ausstellungen des werkbundes mit ihrer weberei präsent.
**architektur: das wenzel-hablik-museum residiert in einem zurückhaltend sanierten alten bürgerhaus.
**extras: es gibt ein kleines museumscafe – für uns gab es dort aber (um 16 uhr nachmittags) leider keinen kaffee mehr – die maschine war schon gereinigt worden und sollte nicht mehr gestartet werden. schade. hier könnten sich die sonst sehr zuvorkommenden mitarbeiter noch besser absprechen: die kaffeemaschine bleibt an, solange noch besucher durch das obergeschoss wandeln!!
**homepage: www.wenzel-hablik.de
**fazit:es ist beeindruckend zu sehen, wie in einer kleinen provinzstadt das talent eines derart eigenständigen künstlers von aufgeschlossenen und mutigen bürgern erkannt und gefördert wurde. derselben haltung ist es zu verdanken, dass heute das museum existiert, das den nachlass habliks verwahrt, der von seinen töchtern in eine stiftung eingebracht worden war. die stadt itzehoe erscheint zwar auf der liste der sponsoren des museums – es gäbe jedoch noch die eine oder andere möglichkeit, wie stadt und museum von diesem kleinen juwel profitieren könnten. das braune schild an der autobahn kann nur ein anfang sein.

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2 Antworten zu Itzehoe, Wenzel-Hablik-Museum – Dauerausstellung

  1. kellerkind schreibt:

    bah

    bah
    das lese ich jetzt nicht durch, da will ich freitag noch hin… wahrscheinlich 🙂

    This comment was originally posted on 20080303T19:55:06

  2. Hirserob schreibt:

    Schön, schön, als Fan vom Hablik Wenzel zu erfahren, dass sich Autobahn-Hinweise wirklich lohnen. Welch Mühe es allen Beteiligten machte, jenes braune kryptische Schild überhaupt dort aufzustellen zu dürfen und zu können, würde einen 45-minütigen Comedy-Streifen locker füllen. Auch der Weg ins Städtchen bis hin zum Museum: ein Abenteuer, dass sich letztendlich für Interessierte aber tatsächlich lohnt. Mich lässt immer wieder die Vorstellung schmunzeln, wie wohl seine Zeitgenossen auf Hablik reagiert haben könnten.
    Schönen Gruß nach Schönen-Berg (wenn ich richtig verstanden habe).

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