günter schuler: wikipedia inside, unrast 2007

* wenn man das buch sowieso grad zur hand hat

im detail:
**einführung:
die einführung, genauer gesagt das erste drittel, das mit „außendarstellung“ überschrieben ist, ist der gelungenste teil des buches. eine solide aber flott geschriebene darstellung der entwicklung, voraussetzungen und funktionsweisen der wikipedia. kleine fehler im detail fallen innerhalb der insgesamt vergleichsweise ausgewogenen darstellung kaum ins gewicht. dass ich die auswahl der lesenswerten und exzellenten artikel weniger kritisch sehe, tut dem keinen abbruch. erfreulich hingegen ist, dass der autor sich kritisch mit der oft sehr einseitigen medienberichterstattung über wikipedia eingehend auseinandersetzt.
**benutzerführung:
das buch ist leicht zu lesen, in einem manchmal recht flapsigen tonfall geschrieben, der eher den journalisten, der auch unterhalten will, als den analytischen sachbuchautor heraushängen lässt. die gliederung außendarstellung – innenleben – zukunft ist nachvollziehbar, die länge der einzelnen kapitel angemessen. ein umfangreiches glossar hilft auch dem nicht-wikipedianer, obwohl die sprache gerade gegen ende des buches schon recht viel wiki-sprech voraussetzt – vermutlich geht der autor davon aus, dass man sich das bis dahin angeeignet hat.
**cover: bisschen einfallslose collage in smaragd und senf
**umfang: alles in allem 278 seiten
**inhalte:neben der einführung in das was die wikipedia ist, wie sie genutzt wird und wie sie entstanden ist, widmet sich das buch ausführlich einer innenansicht der deutschen wikipedia. in dieser hinsicht betritt das buch neuland, denn bisher waren tiefgreifendere analysen, die einem allgemeinen publikum zugänglich sind, in der regel auf die englische sprachversion beschränkt.
leider erscheint dieser teil vielfach sehr bemüht, politische positionen aus der wikipedia abzulesen, bzw. den akteuren der wikipedia einen bestimmten politischen standpunkt zu attestieren. das wirkt vielfach wenig überzeugend und strapaziert oftmals den gegenstand über. die feinsinnigen unterscheidungen zwischen „linksterrorismus“ und „bewaffnetem kampf“, die der autor dabei für sich in anspruch nimmt und bei der wikipedia nicht unbedingt eingelöst sieht, mögen einen eindruck geben.
zudem scheint günter schuler einem grundlegenden missverständnis aufgesessen zu sein, was die vermeintliche phalanx der „projektverantwortlichen“ angeht. unter diesen begriff subsumiert schuler die administratoren und macht sie somit kollektiv für eine reihe von regelungen, darstellungsweisen, ja für die grundsätzliche ausrichtung des projektes verantwortlich. es ist schade, dass ihm auch während der sechs monatigen recherche als „embedded“ journalist nicht aufgefallen ist, was für ein unkoordinierter haufen die administratoren der deutschen wikipedia sind. man kann gar nicht sagen, welche version die schlimmere ist – das tatsächliche oft vorhandene chaos, oder die von schuler diagnostizierte einmütigkeit.
das buch endet mit einem ausblick in die zukunft – die ratschläge von herrn schuler, um wikipedia auf den seiner meinung nach rechten (linken?) weg zu bringen, kann man nach alldem nur noch schmunzelnd zur kenntnis nehmen – so empfiehlt er allen ernstes einen betriebsrat für autoren. (sein verquastes verständnis der „autorenrechte“ hatte mich schon am stammtisch verwundert, und übrigens, lieber benutzer:roger koslowski, dadurch dass du mich beim stammtisch zielsicher als krankenschwester identifiziert hast, hast du mir bei der lektüre deiner ausführungen zur männlichen unterdrückung weiblicher benutzer viel freude bereitet.)
**hintergründe:der frankfurter journalist günter schuler hatte sich unter dem benutzernamen roger koslowski für einige monate in der wikipedia bewegt, um für ein buch über das innenleben der wikipedia zu recherchieren. zusätzlich führte er interviews mit einigen „prominenten“ wikipedianern und besuchte zwei stammtische.
**extras:im anhang gibts eine editieranleitung für neu-wikipedianer und die verlagswebsite hält eine kommentierte linkliste bereit
**homepage: www.unrast-verlag.de
**fazit:teils gerade für außenstehende informativ und unterhaltsam, teils doch sehr angestrengt politisch bis verschwörungstheoretisch. dass das buch in der verlagswerbung nun als enthüllungsgeschichte vermarktet wird, dürfte der reputation des autors nur bedingt zugute kommen.

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Eine Antwort zu günter schuler: wikipedia inside, unrast 2007

  1. poupou schreibt:

    highway to hell

    highway to hell
    über günter schulers probleme mit den bildlizenzen berichtet finanzer in seinem blog.

    This comment was originally posted on 20070912T22:18:55

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